Verdorrie noch eins…

15 07 2011

Verdorrie noch eins. Da hat der Gemaux aber lange nicht geschrieben.

Könnte daran liegen, dass soviel passiert ist. Wenn sich das Leben verschiebt und neue Wege offenbart, dann liegt der Fokus offenbar nicht mehr auf dem virtuellen „Mantel-aufreissen im Park“ sondern auf einem selbst.

Ein Anfang müsste jetzt her.

Aber wie….

Vielleicht einfach mit dem Gedanken, den der Gemaux im letzten Jahr oftmals dachte. Mach mal was. Was Positives. Was Nützliches. Was dir liegt. Aber was liegt mir? Und viel wichtiger – wie kann ich herausfinden, was mir liegt?

„Du wärst genau richtig bei uns in der Einrichtung.“, „Schon mal daran gedacht, Erzieher zu werden?“

Ja klar, der Gemaux als Erzieher. Ganz sicher wäre der Gemaux genau richtig als Erzieher. Und direkt danach würde er sich Flügel wachsen lassen und Blitze aus seinem Arsch verschießen. Sozusagen als Erzengel der Satire.

Als der Gemaux solche Sätze zum ersten Mal vernahm, dachte er noch an einen schlechten Scherz und die falsche Kleidungswahl. Spontan fuhr die Hand übers Gesicht um den Stand der Rasur zu überprüfen.

Alles perfekt. Selbst die Koteletten waren sauber ausrasiert. Gemaux, der Erzieher. Alles, nur das nicht.

Dachte sich der Gemaux. Bis sich die sauber platzierten Betonpfeiler-Schläge des Schicksals häuften. Bei jedem Gespräch mit neuen Bekanntschaften kommt irgendwann im Laufe der Unterhaltung unweigerlich die Frage nach dem Beruf. Bei Männern sowieso, damit man das Revier schon mal abstecken kann, und sich gegebenenfalls bei weiblichem Gegenüber das Balzgeweih aufsetzen kann.  Was man ist, ist ja bei vielen so etwas wie der Brunftschrei . „Ach…wie…das hast du gemacht? Ich dachte, du wärst Erzieher oder Sozialpädagoge.“

Wenn dieser Satz innerhalb eines halben Jahres zum 5. Mal fällt, sollte man hellhörig werden.

Also gut, ich geh es an.

Was könnte man ohne nennenswerten Aufwand direkt starten? Berufsbetreuer klingt klasse. Selbstständig arbeiten und anderen Menschen bei ihren Finanzen und Amtsgängen helfen. Und das auch noch für eine gute Mark. Schnell die einschlägigen Portale angeklickt. Moment, was steht da?

Mit kaufmännischem Background XX Euro die Stunde. Mit sozialpädagogischem Background zusätzlich direkt auch noch mal 10€  mehr die Stunde. Nachteil wäre die Selbstständigkeit. Wie der Name schon sagt, setzt die eigenverantwortliche berufliche Tätigkeit die Bereitschaft zum „Selbst“ und „ständig“ voraus. Mit Urlaub wäre dann auch erstmal Essig.

Wie war das noch mal? hatte die Bekannte  aus der Krabbelgruppe nicht mal aus Spaß gemeint, ich sollte mal vorbeischauen und mir das alles angucken, weil ich ja total toll dafür geeignet wäre?

Dann mach ich das doch mal.

Termin gemacht. Ohne eine Vorstellung, was mich erwartet.

Hospitieren in einer Jugendwohneinrichtung. Sparte: Kinder von 2-15 Jahre.

Als Mensch, der bisher hinter der großen hohen Mauer im Glücksbärchi-Land gelebt hat, hat man nur eine vage Vorstellung von so genannter Heimerziehung.

Gut, wie ein Vorkriegs-Heim werden sie heute nicht mehr sein. Große Bettensäle mit drangsalierten Kindern, die von bekopftuchten Frauen in grau/schwarz-weiss geschlagen werden, dass sind ja so die medial begründeten ersten Gedanken, die man hat.

Angenehm überrascht, war der Gemaux, als er in eine ruhige Wohnsiedlung einbog und unter der genannten Adresse ein Zweifamilienhaus vorfand mit Spielgeräten auf dem gepflegten Rasen. Blieb nur noch die Vorstellung von Kindern, an denen sich die Super-Nanny wahrscheinlich mehrere Nervenzusammenbrüche geholt hätte.

Freundlich wurde der Gemaux empfangen und direkt den Kindern vorgestellt.

Sozusagen ins kalte Wasser geschmissen. Die Super-Nanny-Kiste wurde schon mal in den Altpapiercontainer entsorgt. Die Kids waren fröhlich und durchweg aufgeweckt. Somit brachen schon mal die ersten Vorurteile weg.

Erster Auftrag: mit dem kleinen Miguel zur Therapie gehen. Miguel ist 8 Jahre alt, hat ADHS und gerade Ferien. Also folgt der Gemaux dem kleinen Miguel, der immer wieder wartend auf seinem Roller voraus düst.  Irgendwie hörte der kleine Engel auf sämtlich Kommandos des Gemaux, also das übliche Prozedere an Straßenübergängen, etc. Von Zappelphilipp und schweres Kind nicht die geringste Spur. Den Rest des Tages verbrachte der Gemaux dann damit sich die organisatorischen Dinge anzuhören.

Morgens um 9 begann der Gemaux und als er das erste Mal auf die Uhr schaute, dämmerte es auch schon. Nanu, wo waren die Stunden hin?

Positiv überrascht, fuhr der Gemaux nach Hause.

Am nächsten Tag wurde der Gemaux zur Seite genommen und gefragt, was er mit dem Miguel gemacht hätte. Der Kleine wäre selten so ruhig und folgsam wie gestern gewesen.

Dem Gemaux fiel kein passender Grund ein, also musste es wohl an der bloßen Präsenz liegen. Die Gruppenleiterin instruierte den Gemaux dann in den Basics im Umgang mit den Kindern und den Anamnesen der einzelnen Kinder. Und so langsam bröckelte die Schutzmauer der Ignoranz des „normalen“ Lebens eines sich bisher in der Wirtschaft tummelnden Zeitgenossen.

Gemaux will ihnen die traumatisierenden Einzelheiten ersparen. Wer nicht unbedingt möchte, sollte nicht über die Mauer der Unwissenheit klettern, sondern dahinter verweilen.

Nur soviel sei gesagt. Nach dem dritten Tag, benötigte der Gemaux, der seines Zeichens sich bis dahin für einen harten Kerl hielt einen kompletten Tag auf der heimischen Couch um seine Gedanken wieder einigermaßen in die Spur zu bekommen. Wer ein kleines Mädchen sieht, welches zutiefst zufrieden mit Stoffresten ein Kissen näht und dann im Kopf hat, dass eben dieses Mädchen vor der Aufnahme in die Wohngruppe auf einer Decke übernachten und als regelmäßige Mahlzeit sich einen Napf mit der umhegten Katze samt katzengerechtem Inhalt teilen musste. Zynisch könnte man sagen, dass Katzenfutter durchaus wertvollere Nahrung ist, als der durchschnittliche Convenience-Frass  , der im allgemeinen konsumiert wird.

Aber nur, wenn man sehr zynisch ist.

Der Gemaux hätte gern die Freude auf dem Gesicht der Kleinen gesehen, als sie bei ihrer Aufnahme gewahr wurde, dass sie ein eigenes Bett hat und regelmäßige Mahlzeiten am Tisch eingenommen werden.

Oder den sanften Schlaf ihrer Zimmergenossin, die nach vielen Jahren katatonischer Starre, nachdem der Vater sie mittags nach Hause gerufen hatte – inklusive nächtlichem Bettnässen- endlich erkannt hat, dass ihr Elternhaus vielleicht doch nicht das Normale war.

Mit Hochachtung vor den Erziehern, deren Intention es ist, auch mit den Eltern (soweit möglich) zu arbeiten und dabei ruhig zu bleiben.

Denn seit der Gemaux selber eine kleine Prinzessin zuhause hat, liegt die Hemmschwelle sehr niedrig bei Fällen von Misshandlung und Missbrauch gegenüber Kindern.

….

Tbc


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s




Follow

Get every new post delivered to your Inbox.