Heute schon nachgedacht?

17 05 2008

Na wie sehr haben Sie heute schon nachgedacht? Dem Gemaux kommen bei seinen täglichen Radtouren immer fundamentalere Gewissheiten. Zum Beispiel – und diese Erkenntnis ist ja beileibe nicht neuwertig- das uns das Denken abgenommen wird und unsere Instinkte flöten gehen. Nehmen wir als Beispiel mal Fahrradhelme. Diese sorgen dafür, dass sich der Nutzer keine Sorgen mehr macht. Und wer sich keine Sorgen macht, sorgt nicht mehr selbst für seine leibliche Unversehrtheit. Also zum Beispiel darüber, was er beachten muss, um heil nach Hause zu gelangen. Egal was ihm passiert, der Kopf bleibt ja heil. Und selbst ein Kopf auf un-funktionalem Körper kann sich heute mitteilen. Worüber also Gedanken machen.

Nun werden Sie wahrscheinlich sagen, das man sich GERADE dann Gedanken macht, wenn Sie für ihre Schutzausrüstung sorgen. Also zumindest am Kopf.

Ein Trugschluss, denn Sie schützen genau das Körperteil, was Sie ja just dann gerade nicht mehr benutzen.

Oder in der Automobiltechnik. Es gibt mittlerweile soviel Gimmicks die die natürliche Auslese aushebeln. Das merkt man an der Vielzahl Intelligenzverweigerer auf den Strassen und in seiner Umwelt. Mein Großvater gab seinen Führerschein freiwillig ab, als er merkte, dass der zu langsam für den Straßenverkehr reagierte. Das geschah nach reiflicher Überlegung. Die Automobilindustrie würde ihm heute diesen Denkprozess abnehmen. Und das Einzige, was ihn heutzutage noch gefährden könnte bei der Masse an technischen Novationen ist, dass er darüber nachdenkt.

Früher sorgte das Nachdenken und instinktive Verhalten ja für das Überleben und die Fortentwicklung der Rasse. Wenn der Herr Neander Tal nicht aufpasste beim Wasser holen oder -Lassen kam schwupp ein Säbelzahntiger aus dem Gebüsch gehüpft und schon war in der Familienrangordnung wieder ein Platz frei. Das machte vorsichtig und forderte unsere graue Denkmasse. Welche Gefahren drohen ihnen heute noch –und um die Kehrtwende zu schaffen- beim Autofahren. Es gibt Randlinienassistenten, Regensensoren, Lichtsensoren, Parkhilfen, Einsteighilfen, Lenkhilfen- um nur die Spitze des Verblödungsbataillons zu nennen. Das veranlasst den Autofahrer sich so sicher wie in Mamas Bauch zu fühlen. Kraftanstrengungen beim Lenken, Schalten und Pedale treten gehören heute der dunkelsten Vergangenheit an. Sachen die früher schon alleine dafür sorgten, dass sich ein gewisser Prozentsatz nicht mit Fahrzeugen befasste. Weil es körperlich anstrengend war und eine einigermaßen gute Koordination verlangte.

Ich will ja, dass Frauen auch am Straßenverkehr teilnehmen, bitte nicht falsch interpretieren. Ehrlich. Aber muss es auch ein ab der Nackenwirbelsäule Gelähmter sein? Nur um mal ein überspitztes Beispiel zu bringen.

Wir hebeln die natürliche Auslese aus, die so lange Jahre zuverlässig dafür sorgte, dass immer wieder neue Autos gekauft wurden und die Strassen einigermaßen frei blieben. bzw. neue Nachwuchstalente ihr Können beweisen konnten.

Deshalb fordert der Gemaux eine Rückentwicklung in der Sicherheitstechnik. Die Folgen wären ungeahnt positiv für die Volkswirtschaft und die Allgemeinheit. Wo früher durch einen Autounfall direkt Tote entstanden, gibt’s nun leichte bis schwer Verletzte. Was die allein an Wiederherstellung kosten brauch man wohl keinem zu erzählen. Eine Entlastung der Kranken- bis zur Rentenkasse wäre doch nur die Spitze. Und das alles geschieht nur, weil jemand nicht nachgedacht hat. Also beim Fahren.

Wenn Chantal-Amelie mit ihren frisch manikürten Alessandro-Kunst-Fingernägeln den Handylack zerkratzt, anstatt die Hände am Steuer zu halten und den Wagen der von rechts kommt total übersieht, weil sie im Kopf gerade nur die Vorstellung der neuen Pimkie-Nuttig-Kollektion hat, hervorgerufen durch die schräbbelige Stimme von Paris-Jaqueline am anderen Ende der Leitung, dann ist das nicht gefährlich für Chantal. Früher wäre sie mangels Gurtpflicht mit dem Kopf satt aufs Lenkrad gescheppert, hätte sich ihre frisch blondierten Strähnchen noch mit einem dunklem Rot vergelt und wäre im für sie und der Umwelt günstigsten Fall direkt ins Karmabecken zur Wiedergeburt versenkt worden. Und dort noch hoffentlich mindestens 300 Generationen von intelligenterem Leben geblieben…zum Beispiel als Kellerassel.

Was im Übrigen auch mein Indikator für das Ausstreben ganzer Insektenfamilien ist. Denn je mehr grenzdebile Menschen von ihrem Ableben abgehalten und gerettet werden, desto weniger Tierarten gibt es. Schon mal darüber nachgedacht? Ich meine, SIE müssten das ja können. Sie lesen ja noch bis zum Ende hier. Gehören also zur nachdenklichen Sorte. Oder nicht? Oder ertappen Sie sich auch manchmal dabei so total egofixiert durch die Welt gehen zu können, weil ihnen ja fast gar nichts mehr passieren kann? Weil ihnen das Denken abgenommen wird. Und man sich in dieser fluffigen Zeit nur noch um Spaß um Fun zu kümmern braucht. Schade, dass es keine Säbelzahntiger mehr gibt….





Leben und andere Schwierigkeiten

14 04 2008

Manchmal zeigt einem das Leben den Mittelfinger. Manchmal deutet es nur ganz subtil an.

Denn neulich war Gemaux mit Frau und Kind im Altersheim mit der Grossmutter vom Gemaux.Gemauxens Oma ist dort nicht stationiert. Da schmeckt einfach der Kaffee so gut und die Törtchen sind günstig. Außerdem kann sie ihren Schwager dort noch besuchen, der nach dem 3408234ten Schlaganfall nur noch liegend vegetierend vorhanden ist und dessen Frau immer noch täglich am Bett erscheint. Dieser Mann war in seiner Jugend Boxer, Seemann, Stahlarbeiter und immer nett. Er überstand die ersten 4 Schlaganfälle mit Bravour. „Der Schmeling stand auch immer wieder auf“ und lernte danach wieder rudimentäres Sprechen und Bewegen. Ab und an blitzte es in hellen Momenten wohl und er fand wieder zur alten Kondition zurück. Nach dem ersten Anfall schaffte er sogar noch eine goldene Hochzeit (inkl. einer „Wiederholungsheirat“). Als dann der zweite und dritte Anfall ihre Tributforderungen stellten, entschloss man sich, ihm einen schönen Platz in einem Altersheim zu verschaffen. So sassen nun drei Generationen (wenn Gemaux die Cousine seiner Mutter dazu rechnet, sogar 4) an dem Tisch in der Cafeteria des Altersheim und verspeisten frische Waffeln und Kännchenkaffee. Und wie die kleine Stammhalterin des Gemaux so ihre Runden durch den Saal dreht, kommt dem Gemaux der Gedanke, dass es da eine Menge Parallelen bestehen.

Just als sie neben einer alten Dame zu stehen kommt, wird es quasi Betonpfahl winkend deutlich.
Links Alt – rechts Neu.
Links wenig Haare- rechts wenig Haare.

Links nur noch einige Wörter – rechts erst einige Wörter.
Links wenige eigene Zähne- rechts wenige eigene Zähne.
Links unbeholfene Bewegungen – rechts unbeholfene Bewegungen.

Das Leben endet wie es beginnt. Sabbernd und brabbelnd mit Windeln und Gehhilfe. Dazwischen gibt es dann das was man fürs Arbeiten draufgehen lässt. Und solche Nettigkeiten vom Schicksal wie die Diagnose: Krebs. Die wurde bei der Frau vom Gemaux vor nun 5 Jahren diagnostiziert. Aufgrund eines Check-ups beim Arzt zwecks sportlicher Betätigung und Straffung der Laufwerkzeuge. Ein B-Zell-Lymphom, der so genannte Non-Hodgkin. Niedrig maligne blieb er nach Entnahme der aufs 10fache angewucherten Milz. Mittlerweile ist das anders. Mittlerweile läuft der 5. Chemovorgang von insgesamt 8 Sitzungen. Nach den 14-täglichen Chemotherapien liegt es am Gemaux, seine Frau wieder auf Kurs zu bringen und sie abzulenken von den Geschichten die ihr im „Tropf-Raum“ erzählt werden. Das fällt dem Gemaux nicht schwer, denn die schon mal zur Vorsicht abrasierten und nun doch so stark ausfallenden Haare findet der Gemaux sensationell und sexy. ABer er muss seine Frau auf andere Gedanken bringen und ablenken von den Horrorgeschichten.

Von denen die schon tot sind oder dies und das nicht mehr können. Es ist ein Raum von Schauergeschichten und pseudohilfreichen Ratschlägen, die irgendwann von irgendwem beim Gespräch mit irgendjemandem gehört wurden. Da hilft auch kein demonstratives Aufsetzen von Kopfhörern um zu zeigen: Ich will euch nicht zuhören. Die vornehmlich alten Damen quasseln einfach weiter. Es ist, als ob das Lamentieren über die Gebrechen und Krankheiten den alten Leuten zeigt, dass sie noch leben.
Sozusagen: ich leide – also bin ich.
Nur eine ganz alte Dame mit einem Blutkrebs zeigt eine Seite die auch anders sein kann. Sie redet nicht über Tod, denn der steht eh bei jedem von uns vor der Tür und an ihn kommt man sicherer, als an anderer Leute 5 €. Sie redet über das Leben. Über ihr eigenes aktuelles. Über das vergangene. Über das der Kinder und Enkelkinder.

Der Krebs schwindet bei meiner Frau, und wir sind uns sicher, dass er für einige Zeit wieder fort ist und sich in den Tiefen des Rückenmarks verkriecht. So lautet zumindest die Diagnose von „Professor Hastig“-Prof.Dr. Kloke. Ein Mensch, der sagt was Sache ist und nicht versucht einfühlsam zu sein. Der die Tatsachen schonend aber sachlich vorträgt und damit Klarheit schafft. Denn die andere Seite macht seltsamerweise und -so paradox es klingen mag -Angst. Die, wenn ein Arzt rumdruckst und versucht empathisch zu reagieren. Das vermittelt unweigerlich den Verdacht, dass bei der nächsten Untersuchung schon ein schwarz gekleideter Mann daneben steht und mit einem Maßband und Holzartenmustertafeln hantiert. So kann man sich darauf einstellen und innerlich gefasst an die Behandlung herangehen. So kann man auch Leben in die Welt setzen obwohl einem aus medizinischer Sicht davon abgeraten wurde. Und dieses Leben sieht so aus und macht dem Gemaux (mit seiner Frau natürlich) in seiner Eigenschaft als Vater und Hausmann seit fast 2 Jahren nun Freude und Erfüllung.





Dezembergedanken

8 12 2007

Wissen sie, was ich festgestellt habe? Es sind nur noch rund 2 Wochen bis Weihnachten.

Sensationell, oder?

Damit erklärt sich mir auch der Umstand, warum seit Ende Oktober alles wie auf Speed ist.

Jedes Jahr derselbe Run. Warum ist das eigentlich so? Wieso hängen sich die Menschen zum Ende des Jahres noch einmal richtig `rein? Gibt es im darauf folgenden Jahr nichts mehr? Fällt der Job komplett zum 01.01. weg? Hört die Firma, in der man arbeitet, im Januar spontan auf zu existieren? Kommen gar die Russen im neuen Jahr? Ach nee, die sind ja schon da.

 

Alles läuft herum, als wenn Duracell nun auch Atemluft aufladen würde. Im November sollte man erst gar nicht versuchen pünktlich zur Arbeit zu kommen, wenn man den Arsch nicht mindestens 1 Stunde eher aus dem Bett hebt. In keinem anderen Monat im Jahr scheint sich Deutschland gleich und einig zu sein. Absolut niemand nimmt Urlaub. Zum einen, glaube ich, weil viele Firmenchefs auch glauben, in diesem Monat das ohnehin verpatzte Quartalsziel noch erreichen zu können. Sind eben auch nur Menschen. Und keiner kann grinsen. Im November grinst keiner. Schon mal darauf geachtet?

Das liegt bestimmt am Wetter. Allein dafür würde ich mir überlegen wie viel Runden ich mit meinem Diesel um den Block drehen muss, damit die Erderwärmung schneller vonstatten geht. Ich hasse den Herbst. Und den Winter im Ruhrgebiet sowieso. Gut, man spart die Winterreifen. Die 2 mutigen Millimeter Schnee, die hier fallen haben die Halbwertzeit der Chipstüte eines Onlinespielsüchtigen Kids. Sozusagen kurz gefallen dann schon weggeschmolzen. Hier ist alles nass aber kalt. Kalte Nässe ist eklig. Das hab ich früher schon auf den Treibjagden gehasst. Wenn man so langsam durchweicht, weil man keinen Mittelweg zwischen dichter warmer Kleidung und ordentlichem Körpertemperaturausgleich finden kann, wenn es nieselt -man durch Fichtendickungen kriecht – und die Außentemperatur 3 Grad beträgt.

Dann auf einmal ist alles wie auf Valium. So das Wochenende vor Heiligabend. Anstatt Speed nehmen anscheinend alle dann erst einmal einen tiefen Zug am Tütchen des Nachwuchses und entspannen. Dumm nur, wenn die Oma vor ihnen am Heiligabend um 13.35 im Supermarkt auch gerade kurz vor dem Totalstillstand ist. „Einen Cent habe ich glaube ich……“

Kennen sie noch den Professor aus der Sesamstrasse der immer einschlief? DER IST VON DEN RENTNERN AM HEILIGABEND IM SUPERMARKT ABGEKUPFERT!!

Die komplette Wirtschaft wird auf null gefahren. Wer zwischen Weihnachten und Neujahr arbeitet, fragt sich, wieso er so viel schafft. So ging es mir zumindest immer.

Und der Grund ist: Weil keine Sau stört! Deswegen nämlich. Und wenn der bratzige Kollege von gegenüber auch noch frei hat ist doch erst recht Party angesagt.

So ich muss nun noch Weihnachtsgeschenke kaufen gehen und dann werde ich mir einen Baum im Wald schiessen.

Frohes Fest und guten Rutsch falls man sich bis 2008 nicht mehr liest, wünscht:

 

Gemaux





Der 9.November

7 11 2007

Mein Lieblingsmagazin aus Hamburg hat mehrere Kinder des 9.Nov. 1989 besucht die nun volljährig werden.

Dabei wird einem bewusst, dass man ja selber ein aktiver Teil der Geschichte geworden ist.

Etwa 1,5 Jahre vor dem Mauerfall waren wir zuletzt zu Besuch bei unserer Verwandtschaft im Raum Schwerin. Und haben noch die volle Wucht der Kontrollwut der damaligen Grenzer mitbekommen. Mit Durchleuchten von Cremedosen und kompletter Leibesvisitation. Dabei hatten wir nur wir jedes Jahr unsere Paletten mit Südfruchtdosen, den Bananen und Kiwis, den Stiegen mit Kaffee und den geschmuggelten Platten abgeliefert. Also meine Eltern.

Bis dahin war jeder Besuch bei meinen Verwandten wie ein Besuch in einer anderen Welt. Unrenovierte Häuser in denen teilweise noch Einschusslöcher zu sehen waren. Aber sonst…. die Klunkersuppe meiner Großtante, wenn die Aljoschas der naheliegenden Kaserne ihr Einweckgläser nach ihrem Einbruch liessen. Mein Großonkel als Bezirksschornsteigfeger und Freiwilliger Feuerwehraktivist immer lustig und zu Witzen aufgelegt. Dieses beiden rundlichen Personen mit dem Lachen auf den Lippen.

Mein Grosscousin der panische Angst vor Fröschen hatte. Und das bei einer kleinen Datscha am See. Also eher das ungebaute Speicherhäuschen meines Urgroßvaters der da am See sein „Bootshaus“ hatte. Der mit Strom auf Wurmjagd ging. Also mein Urgroßvater. Das windschiefe, mit Reet gedeckte, Bauernhäsuchen mit Plumpsklo hinten im Garten „Ticktackomma!!! (Uroma) wo isn die Spülung?!“ Die Angelausflüge auf den Pinnower See mit den vielen kleinen Kanälen und der unglaublichen Landschaft. Udn später dann die eigenen Ausruderausflüge mit Bier im Netzschlepp und als Westler verschämten Gesichtsausdruck als sich ein nacktes Päarchen in mein Boot hievte, damit sie mir zeigen konnten, wo auf der Insel inmitten des Sees die Party stattfindet.

Nein ich habe keine schlechten Erinnerungen an die DDR. Selbst wenn es nicht alles gab, so hatte man selbst im Urlaub alles. Was viele gewiss nach Mauerfall und Wiedervereinigung hatten, waren Perspektiven. Oder Glauben.

Als ich vor drei Jahren meinen Großonkel und meine -tante mit meiner Frau besuchte, fand ich anstatt ewig lachender, fleissiger Menschen desillusionierte alte Menschen in einer Neubausiedlung vor , die die pure Angst vor dem da draussen gepackt hatte. Im Zuge der Wiedervereinigung mussten sie die enteignete Vorstadtvilla verlassen, damit sie für teueres Geld renoviert und weiterverkauft werden konnte vom zurückgekehrten Altbesitzer. Ich weiss nicht, ob die beiden dort immer in der Hoffnung lebten. OB sie beim Einzug daran dachten, dass sie immer den Ofen im Keller vor dem Duschen anheizen mussten, daß der Linoleumboden im Eingangsbereich immer gepflegt werden musste und das sie sich ewig am Kacheloffen in dem kleinen Salon wärmen konnten.

Diese beiden gehören mit ziemlicher Sicherheit zu den Verlierern der Wiedervereinigung. Nicht monetär. Aber sie mussten wie alle, ich zitiere da aus dem Spiegel, „neu gehen lernen“ Und dafür sind sie wohl zu alt. Traurige Kehrseite.