Leben und andere Schwierigkeiten

14 04 2008

Manchmal zeigt einem das Leben den Mittelfinger. Manchmal deutet es nur ganz subtil an.

Denn neulich war Gemaux mit Frau und Kind im Altersheim mit der Grossmutter vom Gemaux.Gemauxens Oma ist dort nicht stationiert. Da schmeckt einfach der Kaffee so gut und die Törtchen sind günstig. Außerdem kann sie ihren Schwager dort noch besuchen, der nach dem 3408234ten Schlaganfall nur noch liegend vegetierend vorhanden ist und dessen Frau immer noch täglich am Bett erscheint. Dieser Mann war in seiner Jugend Boxer, Seemann, Stahlarbeiter und immer nett. Er überstand die ersten 4 Schlaganfälle mit Bravour. „Der Schmeling stand auch immer wieder auf“ und lernte danach wieder rudimentäres Sprechen und Bewegen. Ab und an blitzte es in hellen Momenten wohl und er fand wieder zur alten Kondition zurück. Nach dem ersten Anfall schaffte er sogar noch eine goldene Hochzeit (inkl. einer „Wiederholungsheirat“). Als dann der zweite und dritte Anfall ihre Tributforderungen stellten, entschloss man sich, ihm einen schönen Platz in einem Altersheim zu verschaffen. So sassen nun drei Generationen (wenn Gemaux die Cousine seiner Mutter dazu rechnet, sogar 4) an dem Tisch in der Cafeteria des Altersheim und verspeisten frische Waffeln und Kännchenkaffee. Und wie die kleine Stammhalterin des Gemaux so ihre Runden durch den Saal dreht, kommt dem Gemaux der Gedanke, dass es da eine Menge Parallelen bestehen.

Just als sie neben einer alten Dame zu stehen kommt, wird es quasi Betonpfahl winkend deutlich.
Links Alt – rechts Neu.
Links wenig Haare- rechts wenig Haare.

Links nur noch einige Wörter – rechts erst einige Wörter.
Links wenige eigene Zähne- rechts wenige eigene Zähne.
Links unbeholfene Bewegungen – rechts unbeholfene Bewegungen.

Das Leben endet wie es beginnt. Sabbernd und brabbelnd mit Windeln und Gehhilfe. Dazwischen gibt es dann das was man fürs Arbeiten draufgehen lässt. Und solche Nettigkeiten vom Schicksal wie die Diagnose: Krebs. Die wurde bei der Frau vom Gemaux vor nun 5 Jahren diagnostiziert. Aufgrund eines Check-ups beim Arzt zwecks sportlicher Betätigung und Straffung der Laufwerkzeuge. Ein B-Zell-Lymphom, der so genannte Non-Hodgkin. Niedrig maligne blieb er nach Entnahme der aufs 10fache angewucherten Milz. Mittlerweile ist das anders. Mittlerweile läuft der 5. Chemovorgang von insgesamt 8 Sitzungen. Nach den 14-täglichen Chemotherapien liegt es am Gemaux, seine Frau wieder auf Kurs zu bringen und sie abzulenken von den Geschichten die ihr im „Tropf-Raum“ erzählt werden. Das fällt dem Gemaux nicht schwer, denn die schon mal zur Vorsicht abrasierten und nun doch so stark ausfallenden Haare findet der Gemaux sensationell und sexy. ABer er muss seine Frau auf andere Gedanken bringen und ablenken von den Horrorgeschichten.

Von denen die schon tot sind oder dies und das nicht mehr können. Es ist ein Raum von Schauergeschichten und pseudohilfreichen Ratschlägen, die irgendwann von irgendwem beim Gespräch mit irgendjemandem gehört wurden. Da hilft auch kein demonstratives Aufsetzen von Kopfhörern um zu zeigen: Ich will euch nicht zuhören. Die vornehmlich alten Damen quasseln einfach weiter. Es ist, als ob das Lamentieren über die Gebrechen und Krankheiten den alten Leuten zeigt, dass sie noch leben.
Sozusagen: ich leide – also bin ich.
Nur eine ganz alte Dame mit einem Blutkrebs zeigt eine Seite die auch anders sein kann. Sie redet nicht über Tod, denn der steht eh bei jedem von uns vor der Tür und an ihn kommt man sicherer, als an anderer Leute 5 €. Sie redet über das Leben. Über ihr eigenes aktuelles. Über das vergangene. Über das der Kinder und Enkelkinder.

Der Krebs schwindet bei meiner Frau, und wir sind uns sicher, dass er für einige Zeit wieder fort ist und sich in den Tiefen des Rückenmarks verkriecht. So lautet zumindest die Diagnose von „Professor Hastig“-Prof.Dr. Kloke. Ein Mensch, der sagt was Sache ist und nicht versucht einfühlsam zu sein. Der die Tatsachen schonend aber sachlich vorträgt und damit Klarheit schafft. Denn die andere Seite macht seltsamerweise und -so paradox es klingen mag -Angst. Die, wenn ein Arzt rumdruckst und versucht empathisch zu reagieren. Das vermittelt unweigerlich den Verdacht, dass bei der nächsten Untersuchung schon ein schwarz gekleideter Mann daneben steht und mit einem Maßband und Holzartenmustertafeln hantiert. So kann man sich darauf einstellen und innerlich gefasst an die Behandlung herangehen. So kann man auch Leben in die Welt setzen obwohl einem aus medizinischer Sicht davon abgeraten wurde. Und dieses Leben sieht so aus und macht dem Gemaux (mit seiner Frau natürlich) in seiner Eigenschaft als Vater und Hausmann seit fast 2 Jahren nun Freude und Erfüllung.





Vernunft

1 11 2007

Die Welt wird immer vernünftiger und vernünftiger. Gestern abend bei der Wiederholung von Hart aber Fair (demnächst auch in der ARD, anstatt nur im WDR) zum Thema Tempolimit sollte auch wieder die Vernunft obsiegen.

Nun ist an der Vernunft an sich ja nichts Unvernünftiges. Vernunft ist gut, wenn sie benötigt wird. Allerdings macht die Unvernunft oder der Irrsinn den meisten Spass. Wo die Vernunft oberhand gewinnt verabschiedet sich der Spaß ins Wochenende. Das fängt doch schon orthografisch und phonetisch an. Vernunft…da steckt das Verbot und die Zukunft drin. Wenn man sich etwas verbietet dann gibt es folgerichtig zukünftig mehr. Isst man beim Essen vernünftig, hat man schon mal mehr Zukunft. Mann geht nur mit Frauen vernünftig um, mit denen Mann sich auch eine Zukunft vorstellen kann. Alles durchaus positiv.

Aber es fehlt halt der Spass. Fast Food und Süßigkeiten machen Spass. Eine „richtige Sau“ mal kennen zu lernen auch. Ist aber unvernünftig. Weil Beides ja das Leben kosten kann. Zum einen macht einem das Cholesterin einen Strich durch die Lebensrechnung und das andere führt meist zu Mitbringsel von der sexuellen Ausschweifung. Also bakterielle, virale oder mykotische. Eher unangenehm bis tödlich.

Beim Thema Autofahren ist in den letzten Jahren der Spaß sogar fast völlig verschütt’ gegangen. Einparkhilfen, Servolenkung, ABS, höhenverstellbare Sitze, Airbags, Gurte, Spritsparende Motoren, Sicherungschips, Navigationssysteme und was der Geier was. All das hat durchaus seine Berechtigung und macht auch Sinn. Aber keinen Spaß mehr. Wenn ich mich in meinen Wagen setze, fährt er nicht eher los, bis ich angeschnallt bin. Den Mechanismus mit dem Einstöpseln des Beifahrergurtes zu überlisten, ist leider nicht sehr erwachsen. Neben all den Sicherheitsvorschriften und -Einbauten sollen wir nun noch nur 130 fahren. Auch da wo man schneller fahren könnte. Vernünftig. Aber leider völlig unspassig.

Eine Versicherung zur Altersvorsorge ist durchaus vernünftig. Aber den Spass hat der Vertreter, der die Rate für sein nächstes Spaßobjekt mit der Provision bezahlen kann. Denn das Geld, was ich anlegen muss, um mir meinen dann faltigen 80jährigen Hintern vernünftig wischen lassen zu können, fehlt mir natürlich zur Spaßerfüllung, wenn ich noch jung genug für den Spaß bin.

Es ist ein Kreuz. Und es gibt auch keinen Mittelweg. Also keinen echten. Entweder man hat Spaß und lebt oder man ist vernünftig und existiert. So zumindest fühlt sich der Gemaux an einem bedecktem Tag wie diesem Allerheiligem-Feiertag und wünscht ein schönes Wochenende.